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Kein Titel

by Anna
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Kein Titel

Ich schreie!
So unfassbar laut, dass es schon weh tut. Meine Lungen sind gefüllt mit wertvollem Sauerstoff um damit nicht mehr aufzuhören.
„AAAAAAAAAAHHHHHHHH!“
Alles steckt in diesem Geräusch, das aus meinem Rachen strömt. Energie. Hilflosigkeit. Wut. Enttäuschung. Und …. etwas Undefiniertes. Vielleicht habe ich diesen stummen emotionalen Ausbruch der falschen Vorstellung in meinem Kopf zu verdanken. Einer Fata Morgana, wenn man es so will.

Undefinierte Gegebenheiten

Ich sitze im Bus. Wir verlassen gerade den Hillside Beach Club in der Türkei. Seit einigen Tagen ist dieses bestimmte Gefühl da. Ich kann es nicht definieren. Mir fehlen gar jegliche Worte es zu beschreiben, es zu fassen, zu kriegen. Dieses Gefühl ist vergleichbar mit einem Wort, das einem gerade nicht einfällt, jedoch auf der Zunge liegt. Oder mit einem Schrei, der im Keim erstickt wird. Noch. „Sch! Halt die Klappe! Wir sind noch im Urlaub und ich will mich nicht mit dir beschäftigen!“, versuche ich meinen Bauch zum schweigen zu bringen. „Was ist nur los mit mir?“. Mein Blick auf das türkis-blaue Wasser, die uns umgebenden Berge und die wundervolle Natur helfen mir dabei meinen Kopf auszuschalten. Jegliches Gefühl zu unterdrücken und den Ausblick einfach zu genießen. Muschel zu spielen, wie meine Freundin sagen würde.

Kein Titel

Diesem Kapitel meines Lebens, kann ich keinen Titel geben. Es gibt einfach keinen Namen für dieses DING.
Oder doch?
Befinde ich mich in einer Art Midlife-Crisis und habe es nur noch nicht verstanden? Das kann nicht sein! Midlife Crisis definiere ich anders:

Ein Mensch fängt an alles in seinem Leben zu hinterfragen und das wobei er schon Vieles – gar alles – erreicht hat, was er sich vorgenommen hat. Dieser Mensch ist an seinen „Lebens-Deckel“ gestoßen und fragt sich:“War’s das? Was gibt es da noch? Es muss doch noch mehr geben!“

Seitdem ich in Deutschland lebe, fühle ich mich nicht zugehörig.
Der Ausländer halt.
In der ersten Grundschule konnte ich kein Deutsch und hatte keine Freunde. In der nächsten war ich wohl zu merkwürdig, dass ich mit widerlichen bis ins Detail beschriebenen Sex-Briefen gemobbt wurde. Ich frage mich bis zum heutigen Tag welche Person solch eine Art perversen Brief an ein Kind schreiben kann! In den folgenden Schulen war ich zu sportlich, zu stylisch, hatte zu viel Persönlichkeit oder Charakter und wurde in den großen Pausen teilweise von meinen Mittschülern gejagt. Diese machten sich einen Spass daraus mich zum Beispiel in Mülltonnen zu stecken. Ich sage nicht, dass ich immer einfach war und mich angepasst habe. Besonders durch mein Wesen, eckte ich immerzu an und es war okay. Irgendwann wandelte sich meine Meinung. Ich hatte stückweise aufgegeben und mich versucht so gut es ging anzupassen – ohne mich dabei ganz zu verlieren. Ein Spagat. Und da war immer dieses Gefühl. Dieses bestimmte Gefühl, dem ich keinen Namen geben konnte.

Die Rebellin in mir kam immer mal zum Vorschein und versuchte mich mit aller Kraft zu besinnen. Und jedes Mal hatte meine Erfahrung gezeigt, dass ich lieber dem Strom folge um es einfacher zu haben. Brav die Klappe halten und mich so gut es geht anpassen. Eine eigene Meinung zu haben ist zwar okay, solange sie jedoch die der anderen trifft. Und so habe ich mich unbemerkt Stück für Stück verändert um „anzukommen“, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. So fühlte es sich zumindest eine Weile an. Ich befand mich in der Illusion, dass ich zufrieden sei. Alle inneren Stimmen schwiegen schließlich. Dass ich sie geknebelt, gefesselt und in einem dunklen Kerker weit weit weg mit einem unmöglich zu knackenden Schloss eingesperrt habe, habe ich dabei ignoriert.

Und doch…. doch war da so etwas wie ein schwaches Licht im Dunkeln. Ein Licht, das mich daran erinnerte, dass es da etwas gab…

Erkenntnisse

Während unseres Urlaubs hatte ich das große Glück zwei wunderschönen Frauen zu begegnen. Russinnen. Instagramerinnen. Zumindest eine davon, anhand der ‚Shootings‘, die die beiden vor Ort durchführten. Sie waren genauso wie auf den vielen vielen Bilder, die durch meinen Feed tanzen. Wunderschön. Gemacht. Aufgespritzt. Mit langen Beinen und einem nahezu perfektem Körper. Ich wunderte mich nur, dass sie kaum größer waren als ich. Schließlich nahm ich an, dass diese langbeinigen Schönheiten mindestens 1.75m groß sind. „Andere körperliche Proportionen + die Perspektive, aus der das Foto aufgenommen wird“, dachte ich mir und freute mich darüber die beiden Frauen heimlich beobachten zu dürfen.

Gott! Ich komme mir jetzt vor wie ein Stalker. 

Die lauten Salsa-Klänge aus der Box, bringen meinen Körper in Bewegung. Musik ist schon vor meiner Geburt ein Teil von mir gewesen. Schließlich waren meine Eltern Philharmonie-Tänzer und legten mir den Rhythmus in die Wiege. Ich kann nicht anders, ich muss mich bewegen. Bei guter Musik, schalte ich einfach ab und lasse meinem Körper seinen Willen. Gott, ich könnte die lauwarmen Sommernächte durchtanzen und dabei die ganze Zeit lächeln. Auch wenn es, zugegebenermaßen, etwas irre aussehen würde. Seifenblasen strömen aus einer Maschine in die Nacht und die tanzenden Lichter verleihen ihnen etwas Wunderschönes!  Da vernehme ich aus dem Augenwinkeln ein Glitzern auf dem Boden. Neugierig schaue ich zu der Stelle. „Sind das geile Schuhe!“ Gucci, vermute ich. Mein Blick wandert höher und ich erkenne die beiden Schönheiten vom Strand. Grazil sitzen sie toll gestylt an der Bar und schlürfen an ihrem Champagner. Und da ist es wieder! BÄM! Dieses verdrängte Gefühl ist wieder da. Doch es hat sich verändert. Ich kann es auf einmal fassen. Zwar noch wage, aber ich spüre wie dieser Schrei endlich an die Oberfläche kommt. Das entfallene Wort endlich bereit ist ausgesprochen zu werden.

„Das bin ich nicht und ich werde es auch nie sein!“

Endlich. Endlich habe ich mein Rätsel gelöst. Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen. „Ich war schon immer das dicke Mädchen vom Land neben solchen Menschen.“, versuche ich meine Erkenntnis in Worte zu fassen. Vor meinem inneren Auge sehe ich das beschriebene Szenario und ich grinse. Ich bin nicht dick. Und auch kein Mädchen vom Land. Dennoch trifft diese Beschreibung den Nagel auf den Kopf. Ich bin quirlig. Laut. Emotional. Aufbrausend. Lache gerne. Und habe immerzu eine ungehaltene Sehnsucht nach Etwas. Ich habe in diesem einen Moment, der nur wenige Sekunden dauerte, gemerkt, dass ich DAS nicht bin. Nie war. Und nicht sein werde. Ich habe ab einem gewissen Zeitpunkt in meinem Leben auf die Meinungen anderer gehört. Habe versucht diesem ‚Prestige‚ gerecht zu werden und habe ihm unterbewusst ständig ‚nachgejagt‘. Dieses Exquisite der beiden Frauen werde ich nie verkörpern können. Möchte ich auch nicht. Es ist mir zu langweilig. Zu steif.  Obwohl die beiden Schönheiten, und da bin ich mir ganz sicher, auch Spass haben – so festgekrallt an ihr Glas Champagner – werde ich es nicht verstehen können. Ich bin lieber auf der Tanzfläche (des Lebens) und habe meine Art von Spass.

„Irgendwie habe ich das Gefühl als hätte mir jemand eine Last abgenommen“, denke ich später im Bett. Und noch eines ist mir stärker bewusst geworden. Nun fühlt es sich an als stünde die Kerker-Tür sperrangelweit offen. „Ich fühle mich in meiner Tätigkeit, meinem Hauptjob, gefangen. Wie ein Löwe in einem viel zu kleinen Käfig“, stelle ich fest. In meiner Brust spüre ich Erleichterung. Ein Gefühl der Freiheit lässt mich zufrieden in den Schlaf gleitet. Schließlich könnte ich mir auch noch morgen den Kopf darüber zerbrechen welchen neuen Weg und wie ich ihn einschlagen werde. Für heute reicht es. Gute Nacht!

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