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Ein schwarzes Gemälde, gezeichnet von einem Schwarzmaler – mir

by Anna
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Ein schwarzes Gemälde, gezeichnet von einem Schwarzmaler – mir

Es ist wie jeden Tag. Mein Handy meldet sich zu Wort. Ich schaue auf das Display ohne dem Popup eine wirkliche Bedeutung zukommen zu lassen. Mit einem Wisch nach Rechts ist die Nachricht auch schon geöffnet. ,,Nicht schon wieder!“, denke ich. Für einen kurzen Augenblick vergesse ich das atmen. Ich fühle mich als würde ich neben mir stehen. Als wäre ich gar nicht in meinem eigenen Körper, sondern würde von außen auf mich blicken. Für einen kurzen Moment – ein klitzekleines Zeitfenster – scheine ich zu fallen. Als hätte mir der Absender einfach die Füße unter dem Leib weggerissen. Mein auf mich blickendes Ich nimmt ein schwarzes Loch wahr, denn mir wird schummrig vor Augen. ,,Das kann doch nicht wahr sein! Nicht schon wieder.“

Einige Tage zuvor

Ich scrolle mich, wie fast jeden Tag, durch die unzähligen Jobportale. Denn ich bin immer auf der Suche nach etwas Spannendem. Etwas Abwechslungsreichem. Etwas Herausforderndem. Mir ist bewusst, dass ich ein Einhorn finden möchte. Ich gebe die Suche jedoch nicht auf. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Nach mehreren Stunden blicke ich frohen Mutes auf die kleine Liste an ausgeschriebenen Positionen, auf die ich mich bewerben möchte. Auf den ersten Blick scheint die nichtssagende Beschreibung mit meinem Profil übereinzustimmen, denn Vieles davon interpretiere ich anders.

Was habe ich nicht schon alles gemacht. Gelernt. Bin mit jeder Aufgabe gewachsen. Und habe jeden Rückschlag als eine neue Chance gesehen. Es sollte halt nicht sein. Mit neuer Hoffnung wage ich mich zum zigsten Mal an ein neues Blatt Papier. Gestalte meine Unterlagen und lerne das neue Unternehmen vorerst oberflächlich kennen. Mit einem Klick verschicke ich meine Bewerbung und wünsche mir selbst Glück. Ich drücke mir im Geiste selbst die Daumen und werde dafür belohnt. Denn ein Interview flattert rein. Die Freude ist riesig!

Schwarzmaler

Ich gehöre nicht mehr zur jüngeren Fraktion. Ich bin etwas über 30. Und das ist okay so. Ich möchte nicht mehr jünger sein. Jetzt ist das perfekte Alter. Ich habe eine Ausbildung hinter mich gebracht. Ein Studium. Ganz viele Nebenjobs und Praktika. Denn ich arbeite bereits seitdem ich 16 bin. Ü30 ist das perfekte Alter um das Leben endlich genießen zu können. Sich das zu erlauben worauf man Bock hat. Erfolgreich zu sein.

Ich bin verheiratet. Kinder kommen für mich – für uns – in den nächsten paar Jahren (oder auch gar nicht) noch nicht in Frage. Das weiß der Arbeitgeber natürlich nicht. Wie oft stand schon auf meinem CV in fetten Zahlen und umkreist mein Alter drauf. Als Erinnerung an den Personaler, dass ich zu alt bin. (Btw mein Ex-Arbeitgeber veriet mir im Vorstellungsgespräch, dass 27 das Limit für eine Einstellung sei.) Wie oft musste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich eine Frau bin und einen Uterus habe, aus dem ja eines Tages etwas herausgepresst werden könnte. Sehr oft.

Ich habe keine Kraft mehr. Habe es satt dafür bestraft zu werden keinen Schwanz zwischen den Beinen zu haben. Mittlerweile bin ich ein Schwarzmaler und rede mir vor dem Versand der Unterlagen schon ein, dass daraus nichts wird. Bloß keine Hoffnung aufkeimen lassen. Ich bin zu einem kleinen hasserfülltes Wesen – dem Grinch – geworden. Ich verwandle mich dann, wenn Personaler und Führungskräfte der Meinung sind mit mir von oben herab zu reden. Respekt ist sehr sehr wichtig für mich. Und im Gespräch bewahre ich so gut es geht die Contenance. Bleibe höflich. Obwohl sich auch sehr oft schon Tränen in meinen Augen sammelten. Weil ich mich beleidigt fühlte. Nicht nur fühlte. Ich wurde beleidigt!

Ein kleiner Ausschnitt:

,,Wieso haben Sie da eine Lücke von zwei Monaten im Lebenslauf?“, fragte mich mal ein Vertriebsleiter. ,,Weil wir von Österreich nach Deutschland zurück gezogen sind, nicht nahtlos einen neuen Job anfangen wollten und uns erstmal Zeit genommen haben eine Wohnung zu finden und einzurichten.“ ,,Wenn ich umziehen würde, packe ich Samstag den ganzen Haushalt zusammen, richte Sonntag in der neuen Immobilie alles ein und gehe Montag bereits zur Arbeit. Das ist nicht akzeptabel!“, keifte er zurück.

Ich habe meine Mund gehalten. Aus Höflichkeit. Gesagt hätte ich am liebsten, dass ich es mir gerne mit anschauen würde und er mich anrufen soll, wenn es soweit ist. Nun gut. Weiter ging es.

,,Wieso waren Sie dann immer so kurz bei den vorherigen Arbeitgebern beschäftigt?“ ,,Ich hatte jeweils einen befristeten Vertrag. Mein Arbeitgeber wollte mir in den Fällen erst spät eine Antwort geben bzw. hat sie hinausgezögert, weil die Personalgespräche zu einem anderen Zeitpunkt stattfanden. Ich kümmere mich lieber selbst um meine Zukunft. Habe Sicherheit und einen Plan B.“ ,,Sie brauchen mir hier nicht zu erzählen, dass es nur befristete Verträge gibt…!“ Da ist mir der Höflichkeitsfaden gerissen und ich fiel ihm ins Wort: ,,Und das sagen Sie, weil Sie in Ihrer Stellenausschreibung einen befristeten Vertrag auf zwei Jahre anbieten?“, sagte ich ruhig. Die daneben sitzende Personalerin verschluckte sich an ihrem Wasser vor Lachen, das sie schnell wieder im Keim erstickte.

Ich beendete das Gespräch nicht, ließ die restlichen Minuten über mich ergehen. Am liebsten hätte ich ihm sein Wasser über den Kopf geschüttet. Als ich das Gebäude verließ, zitterte mein ganzer Körper. „Was war das gerade?“, dachte ich.

Wie soll man bei solchen Gesprächen voller Hoffnug und frohen Mutes sein? Selbstbewusst bleiben? Sich gut verkaufen ohne vorab schon zu einem Schwarzmaler zu werden? Am nächtsen Tag rief ich die Personalerin an und zog meine Bewerbung zurück. Sie entschuldigte sich für das Verhalten des Verkaufsleiters. Das machte es jedoch auch nicht mehr gut, denn ich wurde in meinen Gedanken wieder mal bestätigt. Was kann ich schon? Wer bin ich denn?

RIP Hoffnung

So oder so ähnlich führte ich bereits einige Gespräche. Sehr oft ging es darum mich runter zu buttern. Mir jedes Wort im Mund umzudrehen und mir zu zeigen was für ein dreckiges Stück Scheiße ich doch bin. Dass ich es nicht hätte wagen sollen mich auf so eine Position zu bewerben. Ich, als Gebärmaschine. Permanent schwangeres Wesen. Als Fußvolk. Als Frau. Wie also kann man mit solchen Erfahrungen kein Schwarzmaler werden? Kein Gemälde malen, in dem alles hoffnungslos und einfach nur schwarz ist? Wie soll man sich weiterhin trauen überhaupt eine Bewerbung zu verschicken? Und wie soll man weiterhin an sich selbst glauben und seine Fähigkeiten nicht permanent in Frage stellen? Sich zu fragen was man eigentlich denn kann, wenn alle einem immerzu beweisen, dass man nichts wert ist? Und dennoch stellt man sich jedes Mal auf’s Neue dem Kampf. Masochismus? Nein! Ein Traum, den man sich zu erfüllen versucht.

Für einen kurzen Augenblick vergesse ich das atmen. Ich fühle mich als würde ich neben mir stehen. Als wäre ich gar nicht in meinem eigenen Körper, sondern würde von außen auf mich blicken. Für einen kurzen Moment – ein klitzekleines Zeitfenster – scheine ich zu fallen… „Nicht schon wieder eine Absage!“

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